Die stärksten Schweizer Bobpiloten Melanie Hasler und Michael Vogt wurden kurz nach den Olympischen Spielen 2022 ein Paar. In Cortina teilen sie sich sogar den Bob. Olympia ist aber auch ein gutes Pflaster für Singles.

Sind seit den letzten Olympischen Spielen ein Paar: die Bobpiloten Michael Vogt und Melanie Hasler.
Jean-Christophe Bott / Keystone
Die Annäherung geschieht sachte, schrittweise. Kurve für Kurve tasten sie sich voran, bis ein ganzheitliches Bild entsteht, jedes Detail verinnerlicht ist. Das Erkunden einer neu gebauten Bobbahn wie jener in Cortina d’Ampezzo benötigt Zeit, Fingerspitzengefühl und ein gutes Einfühlungsvermögen. Das weicht nicht so sehr ab von einer anderen populären olympischen Disziplin: der Liebe, dem Flirten und Sichverlieben.
Melanie Hasler, 27, und Michael Vogt, 28, verstehen sich auf beides sehr gut. Sie sind ein Paar und die stärksten Bobpiloten der Schweiz – Hasler wurde im Januar Europameisterin im Monobob sowie im Zweierbob, Vogt war schon WM-Dritter im Zweierbob. Beide sind für die Olympischen Spiele in Form. Für wie weit nach vorne diese reicht, ist schwierig abzuschätzen. Hasler fuhr bei ihrem ersten Einsatz im Monobob auf den fünften Rang. Im Bobsport ist vor allem die deutsche Delegation beinahe übermächtig. Gefragt von den Schweizern sind jeweils vier Läufe mit möglichst wenigen Fehlern – um bereit zu sein, wenn die anderen welche begehen.
Hasler und Vogt wissen, dass es durchaus einmal aufgehen kann. Beide haben die Deutschen schon geschlagen, und ihre Olympiadebüts 2022 zeigten, wie nahe die Medaillen plötzlich sein können: Vogt verpasste die Bronzemedaille im Zweier bloss um 25 Hundertstel, Hasler wurde Sechste und Siebte. Die Spiele in Peking bleiben den beiden aber noch aus einem anderen Grund in Erinnerung: Obwohl sie sich schon seit 2017 kennen, kamen sie sich erst bei diesen Corona-Spielen, wo die Kontakte auf die eigene Delegation beschränkt waren, näher – und kamen im Frühling nach den Spielen dann zusammen.
Vier Jahre später wohnen sie noch nicht zusammen, weil sich das bei den langen Absenzen kaum lohnen würde. Hasler lebt in einer kleinen Wohnung, Vogt bei seinen Eltern. Auch im olympischen Dorf in Cortina d’Ampezzo wohnen sie getrennt. Dennoch schätzen sie es beim Saisonhöhepunkt, eine vertraute Person in der Nähe zu haben. «Wir wissen direkt, wie es dem anderen geht», sagt Hasler, «und müssen nicht am Telefon zuerst alles erklären.»
«Gemeinsam müde sein» als Pluspunkt
Das gegenseitige Verständnis für den aussergewöhnlichen Lebensalltag von Profis schätzen viele Sportlerpaare: Verständnis für die Entbehrungen, den seriösen Lebensstil, den Verzicht auf einen Teil des Soziallebens, die vielen Reisen, die Gefühlslage nach einem Sieg oder einer Niederlage. Ein anderes Paar der Schweizer Delegation, die Snowboarder Ladina und Dario Caviezel, drückt es so aus: Nach einem anstrengenden Rennwochenende warte zu Hause nicht ein ungeduldiger Partner, sondern man könne gemeinsam müde sein.
Die Bobpiloten Hasler und Vogt versuchen, zu Hause den Sport als Thema auch einmal auszublenden. Dennoch hilft der Austausch von Erfahrungen. Hasler spricht gerne alle gezielt an, die eine schnelle Linie gefahren sind, um von ihnen zu lernen. Von Vogt profitiert sie ganz konkret: Sie nutzen denselben Zweierbob, auch wenn dieser wegen des unterschiedlichen Gewichts seiner Insassen in der Bahn anders reagiert. Der Grund für das Teilen sei einfach, sagt Hasler: «Sein Schlitten ist schneller als meiner.» Weshalb das so ist, bleibt oft unklar.
Vogt sagt, seine Freundin zeichne besonders ihr Ehrgeiz aus, ihre Akribie, wie sie immer Vollgas gebe. Die frühere Volleyballerin lacht, als sie das hört. «Er ist ehrgeiziger als ich. Manchmal frage ich ihn: Musst du wirklich aus allem einen Wettkampf machen?»
Das Schlittenteilen funktioniert gut, weil die Rennen naturgemäss nacheinander stattfinden. Ähnlich verhält es sich bei einem weiteren Paar in der Schweizer Delegation, den Curlern Alina Pätz und Sven Michel, die im Frauen- beziehungsweise im Männerteam mitspielen. Die beiden sind seit siebzehn Jahren ein Paar, inzwischen verlobt und reich dekoriert mit diversen EM- und WM-Medaillen. Eine olympische fehlt aber beiden noch. Auch sie sind abwechslungsweise im Einsatz. Am Valentinstag, während des Spiels der Schweizerinnen gegen Japan, postete Michel ein Foto eines gerahmten Bildes von Pätz und schrieb: «My Valentine is busy.»
Das «Ehepaar Chifler» war an Olympia schon nicht mehr zusammen
Hier scheint sich ein Muster abzuzeichnen. Wer vom Online-Dating genug hat, sollte es vielleicht in einem Curlingverein versuchen. In Mailand-Cortina 2026 sind Pätz und Michel nicht das einzige Paar in der Sportart. Zum Auftakt der Spiele fegte das Ehepaar Briar und Yannick Schwaller-Hürlimann im Mixed-Bewerb übers Eis. Begleitet vom anderthalbjährigen Sohn River, der mit seinem übergrossen Besen zum Social-Media-Star wurde.

Yannick Schwaller mit Sohn River.
Jean-Christophe Bott / Keystone
Das Schweizer Curling war schon in der olympischen Vergangenheit ein guter Boden nicht nur für Medaillen, sondern auch für die Liebe. Manchmal für eine verflossene. Unvergessen bleibt das Duo Jenny Perret und Martin Rios, bekannt als «Ehepaar Chifler», das bei der Mixed-Premiere 2018 in Pyeongchang Silber holte. Auf dem Eis für ihren rauen Umgangston berüchtigt, waren sie damals privat längst getrennt.
Olympia bietet beste Voraussetzungen für Liebesgeschichten, das beweist nicht nur jene von Roger Federer und Mirka Vavrinec, die 2000 im olympischen Dorf in Sydney begann. In Cortina erhielt die Abfahrts-Olympiasiegerin Breezy Johnson als Trostpflaster nach ihrem Sturz im Super-G einen Heiratsantrag. Und auch Singles kommen auf ihre Kosten, wenn die Anspannung abfällt und die Zeit der vorolympischen Entbehrungen vorbei ist. Auch wenn die Partys nicht mehr so wild sein mögen wie früher, seit die Delegationen die Athletinnen und Athleten rund zwei Tage nach ihrem letzten Auftritt aus dem Dorf schicken, um den anderen Ruhe zu gönnen.
Doch noch immer werden Zehntausende Gratiskondome in den olympischen Dörfern verteilt, in Cortina mussten gar neue nachgeliefert werden; begonnen hat diese Praxis 1988 in den Hoch-Zeiten von Aids. Wie viele bloss als Souvenir im Gepäck landen, wird nicht erhoben. Doch in Zeiten von Social Media machen die liebeshungrigen Singles aus ihren Ambitionen neben dem Sport kein Geheimnis. Sie preisen sich als Singles an, die offen für die Liebe oder einen Olympia-Flirt sind, allen voran die Amerikaner wie die Snowboarder Jake Pates und Nick Baumgartner oder die Rodlerin Sophia Kirkby. Es scheint zu funktionieren: Kirkby erzählt auf «20 Minuten», sie habe in Cortina ein Date nach dem andern.